Artefakte der Bildstandskorrektur und neuer „Master“

Ungeachtet der verantwortlichen Dienstleister oder beauftragenden Rechteinhaber sowie der für die Überlieferung des Filmerbes zuständigen Archive, beschäftigt sich dieser Artikel mit möglichen Herausforderungen automatisierter Bildstabilisierung, wie sie in der digitalen Filmrestaurierung standardmäßig eingesetzt wird.

Die bei Projekten der digitalen Filmrestaurierung gewonnenen Erfahrungen zeigen immer wieder, dass bei der Beseitigung analoger Fehler und Schäden die Gefahr neuer und somit digitaler Fehler (Artefakte) sehr groß ist. Es gilt zu erwägen, ob die Fehlerrisiken, die auch zukünftig potentiell mit digitaler Restaurierung verbunden sind, und die Erkenntnis, dass diese Verfahren auch einer ständigen Weiterentwicklung unterliegen, nicht zu einer Anpassung der gegenwärtigen Hinterlegungspraxis führen sollten, die sich ausschließlich auf das sogenannte DCDM respektive dessen Bearbeitungsstufe beschränkt.

Reine Lesezeit ca. 10 min.

Gliederung

  • Was ist „Vordergrund-Dominanz?
  • Beispiele anhand von „Sissi – Die junge Kaiserin, 1956“
    (3 weitere Filme sind aus dem Artikel verlinkt)
  • Schlussfolgerung

Vordergrund-Dominanz

Das Problem der „Vordergrund-Dominanz“ kann bei der Reduktion hochfrequenter Bildverschiebungen entstehen, welche auch als „Wackeln“ (Bildstandsfehler) wahrgenommen werden. Für den Vorgang einer Stabilisierung werden möglichst kontrastreiche Bildmerkmale in ihrer Verschiebung von Bild zu Bild analysiert. In Szenen mit unscharfem oder weitgehend verdecktem Hintergrund gibt es dazu wenig verwendbare Bildmerkmale, deren Bewegungen im Bild der globalen „Kamera-Bewegung“ zugerechnet werden können.
Schauspieler definieren mit ihrer Bewegung hingegen Regionen lokaler Bewegung. Diese Bewegungskomponente soll im Idealfall von der globalen Bewegung im Bild (vgl. Kamera zur Umgebung) unterschieden werden. Dennoch wird durch die meisten Algorithmen nur statistisch zwischen diesen Mengen unterschieden, wodurch beide Bewegungskomponenten zu unterschiedlichen Anteilen in eine resultierende Stabilisierung einbezogen werden.

„Vordergrund-Dominanz“ liegt dann vor, wenn lokale Bewegungen eine höhere Gewichtung als die globale Bewegung aufweisen und somit auch diese lokalen Bewegungen im Vordergrund – oftmals die von Schauspielern – anteilig stabilisiert werden. Auffällig werden diese Artefakte etwa durch zur Vordergrundbewegung leicht abgeschwächte sowie gegensätzliche Verschiebungen des Hintergrundes.

Beispiele

Nachfolgende Beispiele stammen alle aus „Sissi“ Teil 2. Sie wurden ausgewählt, weil der Malus hier besonders deutlich ist. Dies bedeutet jedoch nicht, dass alle verbleibenden Szenen des gleichen Filmes ohne diesen Fehler sind. Zudem benötigte eine fundierte Fehlerkorrektor den RAW-Scan oder eine Zwischenstufe ohne Stabilisierung als Referenz. Die Beispiele bieten dennoch gute Anhaltspunkte.

Weitere Beispiele zu anderen Filmen finden sich in nachfolgender Liste.

Einstellung 356

Die Bewegung des Schauspielers (Gustav Knuth) wird im Hintergrund kompensiert, wodurch dieser verzögert die Bewegungen des Vordergrunds und in umgekehrter Richtung aufweist. Als Vergleich sind unterhalb beider Versionen die jeweiligen Bewegungspfade der inhärenten Kamerabewegung angeführt.

Szene/Einstellung 356

Einstellung 358

Die Kopfbewegung wurde anteilig stabilisiert. Auch hier bewegt sich der Hintergrund künstlich, wie die korrigierte Fassung „rechts“ zeigt.

Szene/Einstellung 358

Einstellung 495

Hier ist durch die Länge der Einstellung gut ersichtlich, dass nur dann deutlich sichtbare Artefakte auftreten, sobald die Schauspielerin (Magda Schneider) ihre Schultern hebt. Dies tut sie zweimal in unterschiedlicher Stärke. Darauf gefolgt gibt es kompensierende sowie falsche Korrekturverschiebungen im Hintergrund.

Szene/Einstellung 495

Einstellung 502

Die ruckartigen Bewegungen der Schauspielerin (Vilma Degischer) wurden durch „Vordergrund-Dominanz“ anteilig in den Hintergrund kompensiert.

Szene/Einstellung 502

Einstellung 564

In dieser Einstellung schwingt der Hintergrund gegen die begonnene Bewegung der Schauspielerin (Romy Schneider) auf die Kamera zu.

Szene/Einstellung 564

Schlussfolgerung

Digitale Filmrestaurierung ist trotz hoch spezialisierter Software keine triviale Aufgabe. In der Branche werden gerne stark automatisierende Systeme eingesetzt, welche auf der Seite der Anwender jedoch kein technisches Verständnis über die eingesetzten Algorithmen respektive möglicher „Nebenwirkungen“ voraussetzen.
Dadurch können diese und andere Artefakte nur schwer ausgemacht werden und sind – wie in den Beispielen gezeigt – fortan Bestandteil dieser „Master“.

Eine angemessene Verfahrensweise findet Anwendung, indem bei geförderten Restaurierungs-Projekten (vgl. „Förderprogramm Filmerbe“), aber auch bei anderen, welche im Filmarchiv im Bundesarchiv digital zu hinterlegen sind, das originäre Digitalisat (RAW-Scan) ebenfalls zu hinterlegen ist. Nur so können auch übergreifende Qualitätsbestimmungen zu den restaurierten Daten erfolgen.

Es gibt Rechteinhaber und kuratorische Einrichtungen, die intern bereits langjährig so verfahren und ihre Digitalisate archivieren. Nach Rückfragen bei der Filmförderanstalt (FFA) gibt es jedoch keine weiteren Maßnahmen zur Qualitätssicherung und auch die Hinterlegungs-Praxis bezieht sich ausschließlich auf ein DCDM (Vorstufe zum DCP für das digitale Kino), in welchem als Distributionsmedium alle Bearbeitungsschritte bereits endgültig inkorporiert sind.

Von analogem Film zu einem DCP

Als Schlüsselposition eines Digitalisierungsvorhabens steht der RAW-Scan am Ende der eigentlichen Digitalisierung und ist somit die Grundlage (Quelle) für einen im Idealfall komplett non-destruktiven Verarbeitungsprozess digitaler Restaurierung. Eine erhöhte Bedeutung kommt ihm zu, da nur er bei Anwendung der DIN-Spec 15587 als digitale Repräsentanz des analogen Films angesehen werden kann. Hier sind alle Charakteristika des analogen Ursprungs bestmöglich dokumentiert.
Zudem können die vorbereitenden Schritte vor einem Scan sehr umfangreich ausfallen oder das Material an sich steht für einen erneuten Digitalisierungsvorgang zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr zur Verfügung. Auch künftige Verbesserungen in der Digitalisiserungstechnik und qualitative Unterschiede lassen sich nur im Vergleich zu bereits vorliegenden RAW-Scans belegen.

Der RAW-Scan als BagIt-Kontainer

Zu der vorgeschlagenen Ergänzung bedarf es keines neuen Formates oder neu zu entwickelnder Verfahren. Die 2019 veröffentlichte DIN-Spec stellt klare Qualitätsanforderungen und bildet zugleich die gängige Praxis ab. Der RAW-Scan würde wie auch das DCDM mittels BagIt-Kontainer abgegeben werden können.
Es wäre erstrebenswert, das Filmarchiv im Bundesarchiv und weitere Einrichtungen in Kooperation dazu zu gewinnen, eine Dokumentation von bereits vorliegenden RAW-Scans von Projekten verschiedener Komplexität zu erstellen. Auf diese Weise könnten klare Konventionen für eine Standardisierung aufgestellt werden, welche die bestehenden Empfehlungen noch weiter präzisieren. Dieser Schritt ist auch für Software-Hersteller essentiell, um Systeme zur automatisierten Qualitäts-Prüfung (Scan vs. DCDM) und damit verbundener Dokumentation entwickeln zu können.

Noch weiter gedacht, erscheint ein Fundus guter digitaler Rohscans im Filmarchiv im Bundesarchiv als wertvoller Schatz für die erst noch kommenden Verfahren KI-gestützter Film-Restaurierungen unter Beteiligung deutscher Forschungseinrichtungen. Hier würde also in doppelter Hinsicht eine große Chance vertan; Datenbestände zur KI-Forschung für Anwendungen der Bildverbesserung vorzuhalten sowie die Bewahrung von Kulturerbe ohne digital ergänzte Fehler und Schäden.

Über den Autor

Rainer M. Engel studierte an der GERMAN FILM SCHOOL und arbeitet seit 2006 selbständig im Bereich der technischen Bildverarbeitung sowie mit einem Lehrauftrag an diversen Hoch- und Fachhochschulen in Deutschland im Bereich der Medienproduktion. Er ist Mitgründer und ehrenamtlicher Geschäftsführer der SCHRIFT-BILDER gGmbH.

Entwickelte Automatisierungen für digitale Film-Restaurierungen in einem offenen Workflow, um die Beschränkungen und Probleme bestehender kommerzieller Lösungen umgehen zu können, sind Teil seiner Passion. Denn erst dadurch wurden auch ungeförderte Projekte gleichsam technisch sowie wirtschaftlich realisierbar. Der kontinuierliche Blick auf Qualität und deren Überprüfbarkeit sind dabei essentiell.

Referenzen (Realisierung/Mitwirkung an):
Metropolis, Winnetou I-III, Der blaue Strohhut, Mein Name ist Nobody, Edgar Wallace uvm.

Kontakt: engel@schrift-bilder.org